Messenger-Interoperabilität: Warum sich WhatsApp mit Telegram verbinden muss

Vor Jahren schon haben sich App-Entwickler Messenger-Interoperabilität zur Aufgabe gemacht. Im Zuge des Digital Markets Acts (DMA) wird jetzt der ein oder andere Nachrichtendienst verpflichtet, interoperable Messenger-Dienste anzubieten. Dadurch wäre es dann zum Beispiel möglich, Telegram mit WhatsApp zu verbinden oder Signal mit iMessage. Messenger-Interoperabilität: Was ist das? Was steckt hinter der Interoperabilität der Messenger-Dienste und was ändert sich für mich, wenn ich über Messenger wie Telegram und Co. Nachrichten schreiben will?
Messenger-Interoperabilität: Warum sich WhatsApp mit Telegram verbinden muss
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Erstellt von Dietmar vor 9 Monaten
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Messenger-Interoperabilität: Bedeutung für WhatsApp und Co.

Wer die Anfänge der Messenger-Nachrichtendienste miterlebt hat, erinnert sich noch an ICQ oder Skype. Diese Messenger waren seinerzeit sehr beliebt. Über Skype ließen sich sogar bereits relativ früh Video-Calls in annehmbarer Qualität durchführen. Tatsächlich haben beide Dienste bis heute überlebt, spielen in der Welt der sozialen Netzwerke allerdings kaum mehr eine Rolle. An die Spitze der Nachrichtendienste hat sich in Deutschland ein Messenger gekämpft: WhatsApp.

Beim reinen Nachrichtenschreiben liegt der Dienst hierzulande noch hinter den Social-Media-Plattformen Facebook und Youtube. Europaweit hat sich WhatsApp laut der aktuellen Nutzerzahlen mit 83,6% sogar mit deutlichem Vorsprung auf Platz 1 gekämpft. In den USA sieht es etwas anders aus. Wer dort kurze Nachrichten schreiben will, greift immer noch in erster Linie zu SMS. Die Spitzenposition verteidigt unangefochten der Facebook Messenger. Nur 27% der US-amerikanischen Messenger-Nutzer greifen auf WhatsApp zurück.

Vor TikTok und Telegram war WhatsApp

Als der WhatsApp-Messenger noch jung und an Nachrichtendienste wie Telegram oder TikTok noch nicht zu denken war, verbreitete sich die dazugehörige App wie ein Lauffeuer. Für den Preis von jährlich einem Euro konnten Nachrichten verschickt und Bilder und Videos geteilt werden.

In den vergangenen Jahren hat sich das Bild gewandelt. WhatsApp ist immer noch einer der Marktführer, doch die Konkurrenz schläft nicht. Wie die Pilze schossen diverse Messenger und Nachrichtendienste der Social Media-Plattformen aus dem Boden:

  • Telegram
  • Facebook Messenger
  • Instagram
  • iMessage
  • Signal
  • Threema
  • TikTok
  • Amazon Messenger
  • Kik
  • Facetime
  • Viber
  • Xfire
  • Discord
  • Wire
  • Kullo
  • Wafer

Das sind bei weitem nicht alle. Auch wenn die Grundfunktionen wie Chatten, Medienversand, Gruppenchats und Telefonie bei den meisten Messenger-Diensten gleicht ist, gibt es doch einige Abweichungen in der Funktionalität und besonders auch im Hinblick auf den Datenschutz.

Da die Auswahl an Nachrichtendiensten allerdings schier unendlich scheint, kann sich doch jeder User den Messenger wählen, der am besten zu seinen Bedürfnissen passt. Ganz so einfach wie in der Anfangszeit der Message-Dienste ist es jedoch nicht. Nicht selten nutzen persönliche und geschäftliche Kontakte völlig unterschiedliche Apps zum Chatten. Wer mit der Person in Kontakt bleiben will, muss also entweder sein Gegenüber davon überzeugen, den Messenger zu installieren, den man selbst nutzt oder muss selbst einen anderen Nachrichtendienst auf sein Smartphone laden. Nicht selten haben Handynutzer mehr als fünf verschiedene Messenger-Apps auf ihrem Gerät installiert. Das fällt es schwer, den Überblick zu behalten, wen man über welchen Messenger erreichen kann, wer wann was geschrieben hat oder wem man noch zurückschreiben muss. Das kann natürlich extrem nervig und anstrengend sein. Einen Ausweg aus der Misere könnte die Interoperabilität von Messenger-Diensten bieten.

Messenger-Interoperabilität: Was ist das?

Per Definition ist Interoperabilität die Fähigkeit verschiedener technischer Systeme (Hardware und Software) nahtlos miteinander zu interagieren. So liegt in Bezug auf die Messenger-Interoperabilität die Bedeutung auf der Hand: Ist ein Nachrichtendienst interoperabel, kann er die Daten anderer Messenger verarbeiten. Das bedeutet, dass ich zum Beispiel von Telegram an WhatsApp eine Nachricht schicken kann oder umgekehrt.

Wie funktionieren interoperable Messenger-Dienste?

Messenger-Interoperabilität als Funktion von Nachrichtendiensten ist bei App-Entwicklern schon seit längerem ein Thema. So kann z. B. aus dem Messenger Wafer heraus jeder Kontakt angeschrieben werden, der sich im Speicher des Smartphones befindet. Allerdings erhält derjenige dann keine direkte Nachricht in einer seiner Messenger-Apps, sondern erhält einen Link zu der entsprechenden Nachricht.

Bereits vor über zwei Jahren kamen App-Lösungen auf den Markt, die versprachen, die Probleme mit der Messenger-Interoperabilität zu reduzieren. Apps wie DM Me integrierten Daten aller Messenger-Dienste die der User nutzte. So war es möglich, aus einer Anwendung heraus Nachrichten und Medien an verschiedene Messenger zu senden und sämtliche Messenger aus einer App heraus zu verwalten. Allerdings müssen die Messenger-Dienste dafür entsprechende Schnittstellen zur Verfügung stellen. Außerdem müssen sämtliche Messenger, die mit solche einem Tool verwaltet werden, auf dem Device installiert sein. Anders als bei einer echten Interoperabilität müssen also wieder zig Messenger installiert und fortlaufen geupdatet werden. Das frisst nicht nur Speicherplatz auf dem Handy, sondern auch Arbeitsspeicher im System, da Messenger-Apps in der Regel ständig im Hintergrund laufen.

Echte Messenger-Interoperabilität wäre gegeben, wenn:

  • Aus einem Messenger heraus mit einem anderen Nachrichtendienst kommuniziert werden kann, bei dem der User keinen Account hat und der nicht auf seinem Gerät installiert ist
  • Nachrichten von einem Messenger an einen anderen weitergeleitet werden können
  • Features in Nachrichten aus einem Messenger auch bei einem anderen Nachrichtendienst angezeigt werden
  • Für die Nutzung der Kommunikation mit anderen Messengern keine speziellen Einstellungen oder Programmierungen nötig sind

Technisch umgesetzt werden könnte die Interoperabilität von WhatsApp und Co. beispielsweise über sogenannte Bridge-Server, die zwischen den unterschiedlichen Systemen „vermitteln“. Aufgrund von Sicherheitsbedenken gegenüber dieser Methode steht ein gemeinsames Protokoll aller Messenger im Raum, was zumindest aktuell noch reine Zukunftsmusik ist. Eine vielversprechende Methode, um in Beziehung auf die Messenger-Interoperabilität eine sichere Kommunikation zu gewährleisten, könnte das Client-Side-Bridging sein, da bei dieser Technik eingehende Nachrichten erst auf den Geräten der Empfänger entschlüsselt.

Warum sich WhatsApp mit Telegram verbinden soll

Hundertprozentige Messenger-Interoperabilität im Netzwerk fordert die EU jetzt auch von diversen Messenger-Diensten. Laut Digital Markets Act, einem im Mai 2023 in Kraft getretenem Gesetz für faire und offene digitale Märkte, soll dies die Nutzung der Messenger für die Verbraucher übersichtlicher gestalten. Außerdem erhofft sich die EU-Kommission, auf diesem Wege eine Wettbewerbsverzerrung auszugleichen. Daher gilt diese verbindliche Forderung allein für die sogenannten Digital Gatekeeper.

Was ist ein Digital Gatekeeper?

Im Bereich Messenger und Social Media werden als Digital Gatekeeper Unternehmen bezeichnet, die aufgrund ihrer Nutzerzahl, ihres Umsatzes, ihrer Verbreitung oder anderer Faktoren den Markt dominieren. In der Bestimmung zur Messenger-Interoperabilität laut Gesetz des Digital Markets Acts, hat die EU bestimmte Richtwerte festgelegt, die einen Digital Gatekeeper definieren:

  1. Mehr als 7,5 Milliarden Umsatz in den letzten drei Jahren
  2. Bieten ihre Dienste in mehr als drei EU-Ländern an
  3. Über 45 Millionen monatlich aktive Nutzer

Treffen alle drei Bedingungen zu, handelt es sich um einen Digital Gatekeeper. Momentan fallen unter diese Definition laut EU folgende Unternehmen:

  • Microsoft
  • Meta
  • Amazon
  • Apple
  • Alphabet (Google, Youtube)
  • ByteDance (TikTok)

Im Bereich Messaging trifft die Definition Gatekeeper derzeit nur auf einen Konzern zu: Meta. Laut Bestimmungen des Digital Market Acts müssen also der Facebook Messenger, Instagram und WhatsApp ab dem Jahr 2024 die Interoperabilität ihrer Messenger-Dienste gewährleisten.

Messenger-Interoperabilität: Vorteile und Nachteile

Der Ansatz der EU ist folgerichtig. Dennoch bleibt abzuwarten, ob diese Bestimmung im Digital Markets Act die Wettbewerbsfähigkeit kleinerer Messenger-Dienste erhöht. Gerade diese Unternehmen sind sich derzeit unsicher, wie sie mit der Messenger-Interoperabilität umgehen sollen. Die meisten lehnen sie schlichtweg ab.

Die Vorteile der Messenger-Interoperabilität

Tatsächlich wäre eine umfassende Messenger-Interoperabilität für viele Nutzer ein Segen. Da beispielsweise WhatsApp ein vielgenutzter Messenger-Service ist, könnten dann theoretisch aus jedem Messenger Nachrichten an User geschickt werden, die WhatsApp haben, ohne dass die Absender selbst WhatsApp installieren müssten.

Letztendlich würde sich eine Interoperabilität auch positiv auf die Regulierung des Marktes auswirken, da die User frei entscheiden könnten, welche App sie nutzen. Das stärkt letzten Endes die Souveränität der Verbraucher. Dieser Effekt kann sich allerdings erst vollumfänglich einstellen, wenn alle Messenger Interoperabilität gewähren.

Auch für Unternehmen könnte Messenger-Interoperabilität im B2C-Bereich von Bedeutung sein, da sie mit ihren Kunden unabhängig von deren Messenger-Präferenz kommunizieren können.

Welche Nachteile bringen Interoperable Messenger-Dienste?

Abgesehen von der Frage, ob sich wirklich alle Messenger interoperabel miteinander verbinden lassen, gibt es einige deutliche Nachteile, die mit der Öffnung der Messenger-Dienste verbunden sein könnten:

  • Technische Herausforderungen

    Die Implementierung von Messenger-Interoperabilität mit hoher Qualität ist technisch komplex und kann zu Problemen mit der Sicherheit und der Privatsphäre führen.

  • Höhere Kosten für die Anbieter

    Die Implementierung der Daten anderer Netzwerke kann für die Anbieter der Messenger-Dienste zu deutlich höheren Kosten führen.

  • Konkurrenzverzerrung

    Geraten die Digital Gatekeeper unter Druck, weil viele Nutzer zu kleineren Messengern abwandern, könnte das dazu führen, dass die großen Firmen die kleinen Anbieter schlucken, um das Marktmonopol zu erhalten.

Letzten Endes spielt auch die Gewährleistung des Datenschutzes eine Rolle, da hier die diversen Messenger-Anbieter zum Teil gänzlich anders aufgestellt sind.

Durch Messenger-Interoperabilität Sicherheit von User-Daten nicht gewährleistet?

Als besonders sichere Messenger-Dienste in Bezug auf den Datenschutz gelten Signal und Threema. Signal gewährt sogar via GitHub Einblick in seinen Code. Dagegen ermöglich Telegram zwar das Chatten ohne Eingabe von Telefonnummern oder sonstiger Nutzerdaten, doch es können sämtliche Chatverläufe einschließlich der Medien beliebig von den Betreibern verwendet werden. Persönlichkeitsrechte gibt es hier im Prinzip nicht. Wären alle Messenger interoperabel, könnte das dann bedeuten, dass ich aus einem Messenger mit hohen Datenschutzstandards Nachrichten an einen Kontakt schreibe, dessen Messenger niedrige Standards hat. Damit habe ich also keine Kontrolle, wo meine Daten im Endeffekt landen. Das scheint momentan eines der größten Probleme der Messenger-Interoperabilität zu sein.

Dementsprechend reagieren auch Messenger-Betreiber, die einen hohen Datenschutz gewährleisten skeptisch, da dadurch ein Hauptargument, diesen Messenger zu nutzen, entkräftet wird. Wenn ich davon ausgehe, dass Telegram oder Meta mit meinen Daten Schindluder treiben, meine Daten aber letztendlich doch über meine Kontakte in deren Netzwerken landen, kann ich gleich diese Messenger-Dienste benutzen. Damit würde sich dann letztendlich die Interoperabilität für die am meisten verbreiteten Messenger auszahlen. Die kleineren Anbieter würden vom Markt verdrängt.

Zurzeit ist die Informationslage noch dünn, was die Lösung dieses Datenschutzproblems angeht. Es dürfte sich dabei um eine der größten Herausforderungen bei der Umsetzung der Messenger-Interoperabilität in der EU handeln.

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