Kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t: UnabhĂ€ngigkeit fĂŒr StĂ€dte und Gemeinden
Was kommunale DigitalsouverÀnitÀt konkret bedeutet
Kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t heiĂt Selbstbestimmung. StĂ€dte, Gemeinden und Kreise steuern ihre Technologien, Daten und Infrastrukturen selbstbestimmt und unabhĂ€ngig von einzelnen Anbietern. Der Deutsche StĂ€dtetag beschreibt diese EigenstĂ€ndigkeit in seinem Diskussionspapier Digitale SouverĂ€nitĂ€t von Kommunen stĂ€rken entlang von vier Dimensionen. Wer alle vier zusammendenkt, gewinnt die Grundlage kommunaler DigitalsouverĂ€nitĂ€t.
- Technologie: offene Standards und Wahlfreiheit statt erzwungener Produktbindung
- Daten: volle Kontrolle ĂŒber BĂŒrger- und Verwaltungsdaten
- Governance: klare Regeln fĂŒr Beschaffung, Betrieb und Auslagerung
- Kompetenzen: internes Wissen, um die eigene IT zu verstehen und zu lenken
Digitale Selbstverwaltung nach Artikel 28 GG
Artikel 28 Absatz 2 Grundgesetz garantiert Gemeinden, ihre Angelegenheiten in eigener Verantwortung zu regeln. DigitalsouverĂ€nitĂ€t ist die zeitgemĂ€Ăe Ăbersetzung dieser Selbstverwaltung ins digitale Zeitalter. Eine Verwaltung, die ihre DatenflĂŒsse nicht mehr kontrolliert, kann örtliche Aufgaben kaum noch eigenstĂ€ndig erfĂŒllen. Den gröĂeren Rahmen liefert unser Leitfaden zur digitalen SouverĂ€nitĂ€t als Ăbersichtsseite fĂŒr Unternehmen und Behörden.
Digitale SouverÀnitÀt in Kommunen ist mehr als IT-Sicherheit
Digitale SouverĂ€nitĂ€t in Kommunen geht ĂŒber den Schutz vor Angriffen und ĂŒber den Serverstandort hinaus. IT-Sicherheit hĂ€lt Systeme am Laufen, doch SouverĂ€nitĂ€t sichert die Kontrolle ĂŒber sie. Eine technisch gut abgesicherte Kommune kann trotzdem abhĂ€ngig bleiben, wenn ein Konzern Formate, Updates und Preise bestimmt. Digitale Daseinsvorsorge â vom BĂŒrgerportal bis zur Verkehrssteuerung â setzt voraus, dass die Verwaltung ihre Systeme dauerhaft beherrscht. Diese Kontrolle macht kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t aus. Wie Verwaltungen ihre Schutzpflichten organisieren, zeigt der Beitrag zum IT-Grundschutz in der öffentlichen Verwaltung.
Warum US-AbhÀngigkeit die digitale SouverÀnitÀt der öffentlichen Verwaltung bedroht
Die AbhĂ€ngigkeit von wenigen US-Konzernen ist das gröĂte Risiko fĂŒr die digitale SouverĂ€nitĂ€t der öffentlichen Verwaltung. Microsoft-Produkte prĂ€gen ArbeitsplĂ€tze, Server und Cloud â und mit ihnen entscheidet zunehmend US-Recht ĂŒber deutsche Verwaltungsdaten. Rund 96 Prozent der Bundesbehörden nutzen Microsoft-Software, und der Bund gab 2024 etwa 205 Millionen Euro fĂŒr Lizenzen aus. Diese Microsoft-AbhĂ€ngigkeit setzt sich in LĂ€ndern und Kommunen fort und untergrĂ€bt die kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t.
- Office, E-Mail und Kalender als Microsoft 365 aus der Cloud
- Windows auf nahezu allen ArbeitsplÀtzen und vielen Servern
- proprietÀre Dateiformate, die einen spÀteren Wechsel erschweren
- jÀhrlich steigende Lizenzkosten ohne echte Ausweichoption
CLOUD Act und Schrems II als rechtliches Kernrisiko
Der US-CLOUD Act verpflichtet amerikanische Anbieter, US-Behörden Zugriff auf Daten zu gewĂ€hren. Das gilt sogar, wenn die Daten in einem europĂ€ischen Rechenzentrum liegen. Das EuGH-Urteil Schrems II bestĂ€tigte 2020, dass die USA kein gleichwertiges Datenschutzniveau bieten. FĂŒr Kommunen folgt daraus ein klarer Punkt: Solange ein Anbieter US-Recht unterliegt, lĂ€sst sich behördlicher Zugriff auf BĂŒrgerdaten nie vollstĂ€ndig ausschlieĂen. Hier liegt der wunde Punkt der kommunalen DigitalsouverĂ€nitĂ€t.
Klumpenrisiko ĂŒber kommunale IT-Dienstleister
AbhÀngigkeit entsteht nicht nur bei der Software, sondern auch beim Betrieb. Als Ende 2023 ein zentraler kommunaler IT-Dienstleister angegriffen wurde, standen 72 Kommunen mit rund 20.000 ArbeitsplÀtzen teils monatelang still. Ein einzelner Knoten kann so ganze Regionen lahmlegen. Resilienz und Vendor Lock-in gehören deshalb zusammen und sind ein fester Teil kommunaler DigitalsouverÀnitÀt. Wie Verwaltungen ihre Daten unabhÀngig halten, vertieft der Beitrag zu souverÀnen Cloud-Lösungen.
Der souverĂ€ne Arbeitsplatz als SchlĂŒssel zur UnabhĂ€ngigkeit
Der souverĂ€ne Arbeitsplatz ersetzt proprietĂ€re BĂŒrosoftware durch quelloffene Anwendungen, die Kommunen selbst kontrollieren. Er ist der direkteste Weg aus der AbhĂ€ngigkeit von Microsoft 365 und macht kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t im Arbeitsalltag greifbar.
openDesk und die Bausteine des souverÀnen Arbeitsplatzes
Mit openDesk hat das bundeseigene Zentrum fĂŒr Digitale SouverĂ€nitĂ€t eine offene Alternative zu Microsoft 365 fĂŒr Behörden geschaffen. openDesk bĂŒndelt bewĂ€hrte Open-Source-Bausteine zu einer Suite, die jede Kommune selbst betreibt.
- Nextcloud fĂŒr Dateien und gemeinsame Bearbeitung
- Collabora Online als Office-Paket im Browser
- Open-Xchange fĂŒr E-Mail, Kalender und Kontakte
- Element und Matrix fĂŒr verschlĂŒsselten Chat
- Jitsi fĂŒr Videokonferenzen
- XWiki und OpenProject fĂŒr Wissen und Projekte
So lĂ€sst sich openDesk in der Kommune schrittweise einfĂŒhren, ohne Funktionsumfang aufzugeben. Wie Organisationen eine quelloffene Basis strategisch aufbauen, beschreibt der Beitrag zur Open-Source-Strategie fĂŒr Unternehmen.
Welche Rolle spielt die Deutsche Verwaltungscloud?
Die Deutsche Verwaltungscloud liefert die souverĂ€ne Infrastruktur, auf der ein souverĂ€ner Arbeitsplatz lĂ€uft. Statt einer Hyperscaler-Cloud nutzen Kommunen Rechenzentren in öffentlicher Hand. Ăber die Genossenschaft govdigital bringen kommunale Rechenzentren wie Dataport, AKDB oder ekom21 ihre Dienste in einen gemeinsamen Marktplatz ein. So bleibt die Datenhaltung in kommunaler Verantwortung, und ein Zugriff nach US-Gesetzen ist ausgeschlossen. Was beim Wechsel in die Cloud zu beachten ist, beschreibt der Beitrag zur Cloud-Migration.
Schleswig-Holstein als Vorbild
Schleswig-Holstein stellt seine Landesverwaltung konsequent auf Open Source um. Ende 2025 liefen rund 80 Prozent der ArbeitsplĂ€tze auf LibreOffice, Outlook und Exchange wichen quelloffener Groupware. Das Land rechnet mit jĂ€hrlichen Einsparungen im zweistelligen Millionenbereich. Der Fall zeigt, wie weit kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t tragen kann. Ein souverĂ€ner Arbeitsplatz fĂŒr die öffentliche Verwaltung ist nicht nur möglich, sondern wirtschaftlich.
Kommunale DigitalsouverÀnitÀt praktisch umsetzen
Kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t entsteht nicht durch ein einzelnes Projekt, sondern durch konsequente Entscheidungen bei Beschaffung, Standards und Betrieb. Einige Hebel wirken sofort und ohne groĂes Budget, andere brauchen Zeit.
- offene Dokumentformate wie ODF als verbindlicher Standard
- Open-Source-Vorrang mit BegrĂŒndungspflicht fĂŒr proprietĂ€re Software
- Exit-Klauseln und Datenexport in jedem Vertrag
- Datenhaltung in kommunalen Rechenzentren statt bei Hyperscalern
- gezielter Aufbau von internem IT-Wissen
- gemeinsame Entwicklung mehrerer Kommunen statt Insellösungen
Wie können Kommunen Open Source rechtssicher beschaffen?
Open Source lĂ€sst sich heute rechtssicher beschaffen, weil die EVB-IT-Vertragstypen entsprechend angepasst wurden. Eine produktneutrale Ausschreibung im Vergaberecht ist die wichtigste Voraussetzung. Der IT-Planungsrat hat die Vertragsbedingungen so ĂŒberarbeitet, dass Kommunen quelloffene Software ohne rechtliche Grauzonen einkaufen können. So zĂ€hlt im Wettbewerb wieder die Leistung statt der Produktname, und kluge Beschaffung wird selbst zu einem Hebel kommunaler DigitalsouverĂ€nitĂ€t. Wie Pflege- und BeschaffungsvertrĂ€ge fĂŒr die öffentliche Hand aufgebaut sind, zeigt der Beitrag zum EVB-IT-Vertrag.
Digitale SouverĂ€nitĂ€t fĂŒr Kommunen ohne Betriebsbruch einfĂŒhren
Digitale SouverĂ€nitĂ€t fĂŒr Kommunen gelingt nur, wenn der laufende Betrieb gesichert bleibt. Das Beispiel der MĂŒnchner LiMux-Umstellung zeigt, dass selten die Technik scheitert, sondern fehlende Schulung und unklare ZustĂ€ndigkeiten. Ein realistischer Fahrplan setzt auf Parallelbetrieb, frĂŒhe Einbindung der BeschĂ€ftigten und schrittweise Migration. So lĂ€sst sich Open Source in einer Kommune einfĂŒhren, ohne den Betrieb zu gefĂ€hrden. Der Umstieg auf Open Source bleibt bei den Kosten planbar und stĂ€rkt die kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t. Den operativen Rahmen dazu liefert die Ăbersicht zur IT fĂŒr Kommunen.
Interkommunale Nachnutzung als Kostenhebel
Keine Verwaltung muss bei null anfangen. Ăber die Plattform openCode teilen Kommunen quelloffene Lösungen und entwickeln sie gemeinsam weiter. Nach dem Prinzip Einer fĂŒr Alle wird eine Lösung einmal gebaut und vielfach nachgenutzt. Das senkt Kosten und stĂ€rkt die digitale SouverĂ€nitĂ€t von Kommunen, weil Wissen und Code öffentlich bleiben.
MĂŒssen Kommunen Open Source verpflichtend einsetzen?
Eine generelle Pflicht zu Open Source gibt es fĂŒr Kommunen bislang nicht. Bei offenen Dokumentformaten zeichnet sich jedoch eine verbindliche Vorgabe ab. Bund und LĂ€nder haben beschlossen, das quelloffene Format ODF bis 2027 als Standard in der Verwaltung zu etablieren. Damit wird der Abschied von proprietĂ€ren Formaten zur Richtschnur. FĂŒr die digitale SouverĂ€nitĂ€t der öffentlichen Verwaltung ist das ein wichtiger Schritt. Offene Formate halten Daten dauerhaft lesbar und herstellerunabhĂ€ngig â ein Gewinn fĂŒr die kommunale DigitalsouverĂ€nitĂ€t.
Hinweis: Dieser Beitrag dient der allgemeinen Information und stellt keine Rechtsberatung dar. FĂŒr verbindliche AuskĂŒnfte zu regulatorischen Anforderungen empfehlen wir die Konsultation einer spezialisierten Rechtsberatung.