EO-Datenprozessierung: von Level 0–2 zum fertigen Datenprodukt
- 1. EO-Datenprozessierung: warum der Wert in der Verarbeitung steckt
- 2. Die Prozessierungskette: vom Rohsignal zum Datenprodukt
- 3. Analysis Ready Data: der Standard für sofort nutzbare Datenprodukte
- 4. Level-2-Produkte beziehen oder eigene Prozessierung aufbauen?
- 5. Prozessoren im Bodensegment für NewSpace
- 6. EO-Datenprozessierung mit TenMedia
EO-Datenprozessierung: warum der Wert in der Verarbeitung steckt
EO-Datenprozessierung bezeichnet die Veredelung roher Satellitensignale zu kalibrierten, georeferenzierten und vergleichbaren Datenprodukten. Die Rohdaten sind in Europa weitgehend kostenfrei – der eigentliche Aufwand und damit der Wert liegt in ihrer Verarbeitung. Das belegt der EO- und GNSS-Marktbericht der EUSPA: Mehrwertdienste, also alles jenseits des bloßen Datenbezugs, machen rund 80 Prozent der für 2033 prognostizierten Erdbeobachtungsumsätze aus. Nicht das Rohbild zahlt sich aus, sondern seine Aufbereitung. Wie groß die zu bewältigenden Mengen sind, zeigt das Copernicus Data Space Ecosystem: Laut Jahresbericht 2024 wurden dort über 200 Petabyte Erdbeobachtungsdaten ausgeliefert. Solche Volumina lassen sich nur mit automatisierten, reproduzierbaren Prozessierungsketten beherrschen – und genau die rückt diese Seite in den Mittelpunkt. Eine breitere Einordnung liefert der übergeordnete Leitfaden zur Software für Erdbeobachtung.
Was bedeuten Level 0, Level 1 und Level 2 bei Satellitendaten?
Die Prozessierungsstufen beschreiben, wie weit ein Datensatz vom Rohsignal entfernt ist. Die international gebräuchliche Systematik reicht laut NASA Earthdata von Level 0 bis Level 4 und nimmt mit jeder Stufe mehr Arbeit ab:
- Level 0: rohe Instrumentendaten in voller Auflösung, noch mit Übertragungsartefakten
- Level 1: zeitlich referenziert, kalibriert und in physikalische Messgrößen überführt
- Level 2: abgeleitete geophysikalische Größen, geometrisch und atmosphärisch korrigiert
- Level 3: räumlich und zeitlich zu lückenlosen Rastern aggregiert
- Level 4: modellierte Ergebnisse aus mehreren Quellen
Für die meisten Anwendungen ist Level 2 der richtige Einstieg, weil es direkt vergleichbare Werte liefert. Die höheren Stufen Level 3 und 4 gehören bereits zur eigentlichen Auswertung, die der Leitfaden zur Software für Erdbeobachtung behandelt. Diese Seite konzentriert sich auf den entscheidenden Weg von Level 0 bis Level 2 – dort, wo aus einem Rohsignal überhaupt erst ein nutzbares Datenprodukt entsteht.
Worin unterscheiden sich Level-1- und Level-2-Datenprodukte?
Der Unterschied klingt technisch, entscheidet aber über den Aufwand auf der Nutzerseite. Level-1-Daten sind kalibriert und geometrisch korrekt verortet, geben aber noch das wieder, was der Sensor am oberen Rand der Atmosphäre gemessen hat. Level-2-Daten rechnen den Einfluss der Atmosphäre heraus und liefern Werte, die der tatsächlichen Bodenreflexion entsprechen. Erst dadurch werden zwei Aufnahmen derselben Fläche zu unterschiedlichen Zeitpunkten vergleichbar. Wer Level-1-Produkte bezieht, übernimmt die aufwändige Atmosphärenkorrektur selbst; wer Level-2-Daten nutzt, kann sofort messen und vergleichen. Bei den optischen Sentinel-2-Aufnahmen etwa markiert Level 1C die geometrisch korrigierte Stufe, Level 2A zusätzlich die Atmosphärenkorrektur – Details dazu vertieft der Schwester-Artikel zu den Copernicus- und Sentinel-Daten.
Die Prozessierungskette: vom Rohsignal zum Datenprodukt
Zwischen Level 0 und Level 2 liegt eine feste Abfolge von Verarbeitungsschritten, die jede Szene durchläuft. Diese Prozessierungskette ist klassische Softwarearbeit: Datenflüsse, Algorithmen und Schnittstellen, die zuverlässig und automatisiert ineinandergreifen müssen. Jeder Schritt erhöht die Vergleichbarkeit und nimmt der späteren Auswertung Arbeit ab. Läuft die Kette stabil, entstehen aus einem rohen Datenstrom Tag für Tag fertige Produkte, ohne dass jemand eingreifen muss. Genau dieser zuverlässige Dauerbetrieb unterscheidet eine produktive Lösung von einem einmaligen Skript – und macht die Satellitendaten-Prozessierung zu einem Feld, in dem Softwarequalität direkt über den Nutzen entscheidet.
Welche Schritte umfasst die Prozessierung vom Rohbild zum Datenprodukt?
Der Weg vom Rohsignal zum fertigen Datenprodukt folgt einer logischen Reihenfolge, in der jeder Schritt auf dem vorherigen aufbaut:
- Dekodierung und Entpacken: Synchronisationsframes und Header entfernen, Rohdaten ordnen
- radiometrische Kalibrierung: Messwerte in physikalische Größen wie Strahldichte überführen
- geometrische Korrektur und Orthorektifizierung: jeden Bildpunkt exakt auf der Erde verorten
- Atmosphärenkorrektur und Wolkenmaskierung: störende Einflüsse herausrechnen
- Verpackung als Datenprodukt: Metadaten, Qualitätsangaben und Kacheln ergänzen
Die radiometrische und die atmosphärische Korrektur sind die anspruchsvollsten Schritte, weil hier Fehler die spätere Auswertung unbemerkt verfälschen. Deshalb gehört zu jeder seriösen Prozessierung ein Abgleich mit Referenzdaten am Boden, der die Ergebnisse messbar und belastbar macht. Erst danach lassen sich die Produkte sinnvoll weiterverarbeiten oder in Dashboards und Karten überführen.
Wie lassen sich Prozessierungsergebnisse reproduzierbar und prüffähig halten?
Gerade für Behörden und KRITIS-Betreiber zählt nicht nur das Ergebnis, sondern seine Nachvollziehbarkeit. Eine Auswertung, die sich nicht wiederholen lässt, hält im Zweifel keiner Prüfung stand. Reproduzierbarkeit entsteht, wenn jeder Schritt dokumentiert und jede Produktversion eindeutig einer Prozessor-Baseline zugeordnet ist. Ändert sich ein Algorithmus, muss klar bleiben, mit welcher Version ein Produkt entstanden ist. Dazu gehören eine lückenlose Herkunftskette der Daten, versionierte Prozessoren und die Möglichkeit, ältere Bestände bei Bedarf neu zu prozessieren. So bleiben Ergebnisse über Legislaturperioden und Audits hinweg vergleichbar. Wie sich diese Sorgfalt formal absichern lässt, zeigt der Ansatz der nach ISO 27001 entwickelten Software, die Prüffähigkeit von Anfang an mitdenkt.
Analysis Ready Data: der Standard für sofort nutzbare Datenprodukte
Analysis Ready Data, kurz ARD, ist die Antwort auf eine simple Frage: Warum soll jeder Nutzer dieselbe Vorverarbeitung erneut leisten? ARD sind Datenprodukte, die so weit aufbereitet sind, dass sie ohne weitere Korrekturschritte direkt in die Analyse gehen. ARD verlagert den Aufwand einmalig auf die Prozessierung – und entlastet danach jede einzelne Auswertung. Statt Atmosphärenkorrektur, Georeferenzierung und Qualitätsprüfung in jedem Projekt zu wiederholen, greifen Teams auf einheitliche, vergleichbare Produkte zu. Das senkt Kosten, beschleunigt Ergebnisse und macht Auswertungen über Jahre hinweg konsistent. Für datenintensive Vorhaben ist ARD damit weniger ein Komfort als eine wirtschaftliche Grundentscheidung, die früh getroffen werden sollte.
CEOS-ARD und warum Interoperabilität über den Preis entscheidet
Damit Analysis Ready Data nicht beliebig bleibt, hat das internationale Satellitengremium CEOS einen Standard definiert: CEOS-ARD legt Mindestanforderungen fest, die Produkte verschiedener Missionen vergleichbar machen. Das ist mehr als Formsache, denn der eigentliche Hebel liegt in der Interoperabilität. Daten, die zu Sentinel und Landsat gleichermaßen passen, lassen sich kombinieren statt mühsam angleichen. Wer auf standardkonforme Datenprodukte setzt, vermeidet teure Insellösungen und hält sich den Wechsel zwischen Quellen offen. Genau diese Offenheit entscheidet auf Dauer stärker über die Kosten als der einzelne Datenpreis – ein Prinzip, das auch bei der Wahl der passenden EO-Datenplattform gilt. So wird aus Analysis Ready Data eine belastbare Grundlage statt einer weiteren Abhängigkeit.
Level-2-Produkte beziehen oder eigene Prozessierung aufbauen?
Die wirtschaftlich wichtigste Frage lautet selten, wie prozessiert wird, sondern ob überhaupt selbst prozessiert werden muss. Für viele Aufgaben reichen fertige Level-2-Produkte aus offenen Quellen vollkommen aus. Eine eigene Prozessierung lohnt sich erst, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen – etwa wenn Standardprodukte die fachlichen Anforderungen nicht erfüllen oder volle Datenhoheit über jeden Schritt gefordert ist. Diese Abwägung ist keine rein technische, sondern eine betriebswirtschaftliche Entscheidung, die Aufwand, Risiko und Nutzen gegeneinander stellt. Wer sie früh und ehrlich trifft, vermeidet teure Korrekturen im laufenden Betrieb und baut nur das, was wirklich gebraucht wird.
Bezug, Veredelung oder Eigenbau: die richtige Stufe wählen
In der Praxis gibt es drei Wege, die sich im Aufwand deutlich unterscheiden und je nach Bedarf kombinieren lassen:
- fertige Level-2-Produkte beziehen: am schnellsten, ideal für Standardaufgaben
- bezogene Produkte gezielt veredeln: eigene Korrektur- oder Indexschritte ergänzen
- eigene Prozessierung ab Level 0 oder 1: volle Kontrolle, höchster Aufwand
Für eine Behörde, die Flächen überwacht oder Umweltdaten auswertet, sind bezogene Level-2-Produkte meist der pragmatische Einstieg. Eine eigene Kette ab Level 0 wird vor allem dort nötig, wo eigene Sensoren im Spiel sind oder besondere Korrekturen verlangt werden. Die richtige Stufe ergibt sich aus dem fachlichen Ziel, nicht aus dem technisch Machbaren. So bleibt das Vorhaben so schlank wie möglich und so tief wie nötig.
Was der Aufbau und Betrieb einer Prozessierungskette wirtschaftlich bedeutet
Wer eine eigene EO-Prozessierungskette aufbauen will, sollte von Beginn an die laufenden Kosten einplanen, denn sie entscheiden stärker über die Wirtschaftlichkeit als der einmalige Aufbau:
- Rechenleistung für die Massenverarbeitung großer Bestände
- Entwicklung und Pflege der Prozessoren und Algorithmen
- Validierung gegen Referenzdaten am Boden
- Neuprozessierung bei jeder neuen Algorithmus-Baseline
- Speicherung mehrerer Produktstufen über Jahre
- Betrieb, Monitoring und Informationssicherheit
Diese Posten zeigen, warum kostenlose Rohdaten nicht mit einer kostenlosen Auswertung zu verwechseln sind. Den größten Kostenblock bildet selten der Aufbau, sondern der verlässliche Betrieb über Jahre. Eine offene, standardkonforme Architektur senkt diese Kosten spürbar, weil sie spätere Wechsel und Erweiterungen erleichtert. Wo es um die Übernahme großer Altbestände geht, gehört zudem eine saubere Datenmigration in die Planung.
Prozessoren im Bodensegment für NewSpace
NewSpace-Unternehmen, die eigene Satelliten betreiben, stehen vor einer besonderen Aufgabe: Für ihre Sensoren gibt es keinen fertigen Standardprozessor. Sie müssen die Verarbeitung vom Rohsignal zum Datenprodukt selbst aufbauen – und genau diese Schicht ist klassische Ingenieursarbeit ohne Hardware. Aus rohen Sensordaten wird erst durch Software ein verkaufsfähiges Datenprodukt. Diese Prozessierung gehört zum sogenannten Payload Data Ground Segment, dem Teil des Bodensegments, der die eigentlichen Messdaten verarbeitet. Sie ist klar zu trennen von der Steuerung und Überwachung des Satelliten selbst, die der Artikel zur Satelliten-Telemetrie und Missionsüberwachung behandelt.
Was ist ein Prozessor im EO-Bodensegment und wann lohnt sich ein eigener?
Ein Prozessor im EO-Bodensegment ist die Software, die rohe Instrumentendaten automatisiert in Level-1- und Level-2-Produkte überführt. Er kapselt die Algorithmen für Kalibrierung, Geo- und Atmosphärenkorrektur und erzeugt die Produkte in gleichbleibender Qualität. Ein eigener Prozessor lohnt sich, sobald eine eigene Mission, ein neuer Sensor oder ein besonderes Produkt im Spiel ist, für das kein Standard existiert. Für Zulieferer und Primes ist das ein vertrautes Terrain: Es geht um Datenflüsse, Schnittstellen und sicheren Betrieb, nicht um flugkritische Bordsoftware. Diese ehrliche Abgrenzung ist wichtig – die sichere Software- und Datenschicht am Boden lässt sich von einem erfahrenen Softwarepartner liefern, die flugkritische Qualifikation nach Raumfahrtnorm dagegen nicht. So entsteht aus einem rohen Datenstrom ein belastbarer Dienst, auf dem sich ein Geschäftsmodell aufbauen lässt.
EO-Datenprozessierung mit TenMedia
Die Prozessierung von Erdbeobachtungsdaten ist Kerngeschäft einer Softwareagentur, nicht der Raumfahrtindustrie. TenMedia baut die sichere Daten- und Verarbeitungsschicht: automatisierte Prozessierungsketten, die Erzeugung von Analysis Ready Data und die Integration fertiger Datenprodukte in bestehende Fachverfahren. Der Schwerpunkt liegt auf reproduzierbaren, prüffähigen Ergebnissen und auf nachweisbarer Informationssicherheit – ohne Hardware und ohne flugkritische Systeme. Wie verlässlich sich datenintensive, kritische Anwendungen umsetzen lassen, zeigen Projekte für die Landwirtschaftskammer Nordrhein-Westfalen, die Bezirksregierung Köln und die Plattform für Rettungswachen – jeweils außerhalb der Erdbeobachtung, aber mit denselben Anforderungen an Datenflüsse, Verfügbarkeit und Schutz. Als Partner für individuelle Softwareentwicklung begleitet TenMedia das gesamte Vorhaben, von der Make-or-Buy-Abwägung bis zum sicheren Dauerbetrieb der Prozessierung.