Digitale Betriebsanleitung: was das System dahinter leisten muss
Digitale Betriebsanleitung: Maschinenverordnung und Frist
97 Prozent der Industrieunternehmen ab 100 Beschäftigten nutzen laut Bitkom mindestens eine Industrie-4.0-Anwendung. Für die Anleitung regelt die Maschinenverordnung, also die EU-Verordnung 2023/1230 als Nachfolgerin der Maschinenrichtlinie, ausdrücklich, wann die digitale Fassung genügt.
Eine digitale Betriebsanleitung ist die Anleitung einer Maschine, die der Hersteller online statt auf Papier bereitstellt. Nach Artikel 10 Absatz 7 der Maschinenverordnung muss auf der Maschine, ersatzweise auf Verpackung oder Begleitdokument, stehen, wie sie abrufbar ist. Sie muss sich ausdrucken, herunterladen und speichern lassen und für die voraussichtliche Lebensdauer der Maschine, mindestens zehn Jahre nach dem Inverkehrbringen, online verfügbar bleiben.
Ab wann darf die Anleitung nur noch digital kommen?
Die Verordnung gilt ab dem 20. Januar 2027 EU-weit. Seit April 2024 lässt aber schon der Leitfaden zur Maschinenrichtlinie Betriebsanleitungen in digitaler Form zu. Thomas Kraus, Experte für die Maschinenrichtlinie beim VDMA, ordnet das so ein: „Die gesetzlichen Bestimmungen zur digitalen Betriebsanleitung, Montageanleitung, EU-Konformitätserklärung und EU-Einbauerklärung sind wichtige Schritte, um den Herausforderungen der Digitalisierung Rechnung zu tragen.“ (VDMA, Maschinenrichtlinie, 2024). Ob ein Hersteller auf die digitale Betriebsanleitung umstellen darf, ist damit geklärt. Schwieriger ist die technische Frage: wie die Abrufbarkeit über zehn Jahre und mehrere Relaunches gesichert wird.
Vier Bedingungen aus Artikel 10
Die Verordnung knüpft die digitale Betriebsanleitung an Pflichten, die keine Redaktion allein erfüllt, weil sie den Betrieb einer Plattform betreffen. Gemessen wird ihre Erreichbarkeit, nicht ihr Text. Verlangt sind:
❗ Hinweis auf Maschine, Verpackung oder Begleitdokument
❗ Format zum Ausdrucken, Herunterladen und Speichern
❗ Online für die Lebensdauer, mindestens zehn Jahre
❗ Papier auf Verlangen beim Kauf, binnen eines Monats
Auch wer die Betriebsanleitung digital ausliefert, hält also eine Druckfassung bereit. Die Betriebsanleitung in Papierform ist dann kostenlos, und bei Maschinen für nichtprofessionelle Nutzer gehören die Sicherheitsinformationen für Inbetriebnahme und Verwendung zusätzlich auf Papier (tekom Deutschland, Betriebsanleitungen in digitaler Form, 2024). Das Speichern auf einem Gerät soll den Zugriff gerade bei einem Ausfall der Maschine sichern. Neben dem PDF erfüllt das auch eine Web-App oder eine installierbare App für Smartphone und Tablet, die die Fassung auf dem Gerät ablegt.
Was eine digitale Betriebsanleitung technisch leisten muss
Die Bedingungen der Verordnung lesen sich wie Vorgaben an die Redaktion, landen in der Umsetzung aber bei Software und Betrieb. Hersteller, die ihre Betriebsanleitung erstellen lassen, beauftragen dafür eine technische Redaktion. Eine digital bereitgestellte Betriebsanleitung braucht zusätzlich einen festen Zugang an der Maschine und eine Ausspielung, die auf Smartphone und Werkstattrechner gleich funktioniert. Infrage kommen dieselben Bauarten wie in der App-Entwicklung allgemein.
Reicht eine PDF-Datei auf der Website?
Als digitale Betriebsanleitung erfüllt eine PDF-Datei die Formatpflicht, weil sie sich ausdrucken, herunterladen und speichern lässt. Die Lücke liegt woanders: Eine Downloadseite wechselt beim nächsten Relaunch womöglich Adresse und Aufbau, die Abrufpflicht läuft aber über die Lebensdauer der Maschine. Eine bestehende Downloadseite lässt sich an vier Punkten prüfen:
- Adresse bleibt beim Relaunch gleich
- Datei ist einer Seriennummer zugeordnet
- Altfassungen bleiben erhalten
- Typenschild verweist auf die Seite
Das Problem ist der Ort, an dem die Datei liegt, nicht die Datei selbst.
QR-Code und digitales Typenschild an der Maschine
Einen QR-Code schreibt die Verordnung für die digitale Betriebsanleitung nicht vor, sie verlangt einen Hinweis, wie die Anleitung abrufbar ist. Ein Code am Typenschild ist dafür der kürzeste Weg, weil er ohne Abtippen zur richtigen Seite führt. Am Typenschild reicht dann ein einziger QR-Code. Betriebsanleitung, Montageanleitung und EU-Konformitätserklärung liegen dahinter an derselben Adresse.
IEC 61406 als Vorlage für den Code
Die Norm IEC 61406-1 von 2022 beschreibt einen Identifizierungslink: eine weltweit eindeutige Webadresse, die als 2D-Code oder NFC-Etikett am Produkt angebracht wird und zu dessen digitalen Informationen führt. Der ZVEI empfiehlt dieses Prinzip für ein digitales Typenschild. Für die Anleitung heißt das, die Adresse im Code benennt die Maschine und nicht die heutige Website. Ob sie nach einem Umbau der Website weiter auflöst, entscheidet die Weiterleitung auf dem Server und nicht der Aufdruck.
Die digitale Bedienungsanleitung offline speichern
Wie muss eine Bedienungsanleitung aussehen, die nur noch digital vorliegt? Sie muss greifbar sein, wenn die Maschine steht und in der Werkhalle kein Netz ist, und gespeichert auf dem Gerät hilft die digitale Bedienungsanleitung genau dann. Eine Web-App läuft im Browser ohne App Store und lässt sich als Progressive Web App so bauen, dass sie Fassungen offline vorhält.
Versionen, Seriennummern und zehn Jahre Betrieb
Eine Betriebsanleitung ändert sich mit Baureihe, Ersatzteilstand und Übersetzung. Die Pflicht bezieht sich aber auf die tatsächlich ausgelieferte Maschine und auf einen Zeitraum, der mehrere Generationen von Server und Website überdauert. Für die digitale Betriebsanleitung folgen daraus zwei Aufgaben: die richtige Fassung je Maschine finden und sie über zehn Jahre und länger erreichbar halten.
Welche Fassung gehört zu welcher Seriennummer?
Wer 2027 eine Maschine kauft, braucht 2033 die digitale Betriebsanleitung von 2027 und nicht die aktuelle. Ändert sich zwischendurch eine Warnung oder ein Bauteil, bleiben beide Stände nötig, der alte für ausgelieferte und der neue für spätere Maschinen. Die passende Betriebsanleitung Maschine für Maschine zuzuordnen, gelingt nur, wenn das System weiß, welche Fassung beim Versand galt. Für die Zuordnung braucht es mindestens diese Angaben:
- Modell und Baureihe
- Seriennummer der Maschine
- Datum der Auslieferung
- Sprachfassung
- gültige Fassung beim Versand
Daten aus ERP oder PIM
Seriennummer und Auslieferdatum stehen im ERP, also der Software für Aufträge und Lieferungen. Produktdaten liegen je nach Unternehmen dort oder in einem PIM, einem zentralen Verzeichnis für Artikeldaten. Die Anleitung holt ihre Zuordnung deshalb über eine Schnittstelle aus diesen Systemen, statt Seriennummern ein zweites Mal zu pflegen. Das Muster ist dasselbe, mit dem sich eine App an ein ERP anbinden lässt.
Zehn Jahre abrufbar, auch nach einem Relaunch
Bei einer Maschine von 2027 reicht die Pflicht mindestens bis 2037, und sie verlängert sich, wenn die Maschine länger läuft. Jede weitere ausgelieferte Maschine schiebt das Ende der Frist hinaus. Stabil bleibt die digitale Betriebsanleitung, wenn ihre Adressen von der Unternehmenswebsite getrennt sind und jede abgelöste Adresse dauerhaft weiterleitet. Das Archiv der Altfassungen gehört in ein offenes Format, das ein anderer Dienstleister übernehmen kann. Anders als bei App-Wartung und Support, wo Google und Apple den Takt vorgeben, gilt hier die Frist der Verordnung.
Schutz gegen Verfälschung
Die Maschinenverordnung verlangt, dass Software und Daten, die für die Sicherheit der Maschine entscheidend sind, gegen unbeabsichtigte oder vorsätzliche Verfälschung geschützt werden (IHK Lippe zu Detmold, Neue EU-Maschinenverordnung gilt ab 2027, 2026). Das betrifft die Maschine selbst, für die Plattform der Anleitung liegt derselbe Gedanke aber nahe, weil eine veränderte Warnung ebenso die Sicherheit berührt. Technisch heißt das: Schreibrechte nur für die Redaktion und ein Protokoll jeder Änderung.
Content Delivery Portal oder eigene Anbindung
Ein Content Delivery Portal ist eine fertige Plattform gegen Lizenzgebühr, die Inhalte aus dem Redaktionssystem übernimmt und nach Produkt, Sprache und Fassung ausliefert. Die Alternative ist eine eigene Ausspielung, die direkt an ERP und vorhandene Systeme angebunden ist. Welche Variante trägt, hängt an Variantenzahl, Datenlage und den Kosten über zehn Jahre, nicht am Funktionsumfang zum Start.
Zwei Werkzeuge werden dabei leicht verwechselt. Mit dem einen lässt sich eine Betriebsanleitung erstellen: Software für Gliederung, Warnhinweise und Übersetzung, wie sie technische Redaktionen nutzen. Das andere stellt die fertige Fassung an der Maschine bereit, und das ist die Aufgabe eines Content Delivery Portals. Läuft für die technische Dokumentation Software eines Redaktionssystem-Anbieters, gehört ein Portal teils schon dazu.
Wann ein fertiges Portal genügt
Ein Content Delivery Portal von der Stange trägt, solange die Datenlage einfach ist: wenige Baureihen, eine Fassung je Modell und keine Zuordnung über Seriennummern. Mit jeder Variante und jeder Sprache wächst der Pflegeaufwand, und die Lizenz läuft über die gesamte Abrufpflicht mit. Vor der Entscheidung lohnt deshalb ein Blick auf vier Größen:
- Zahl der Baureihen und Varianten
- Zuordnung über Seriennummer nötig
- vorhandenes ERP oder PIM
- Lizenzkosten über zehn Jahre
Ob Hersteller ihre Betriebsanleitung erstellen lassen oder intern schreiben, ändert an dieser Rechnung nichts. Vertraglich gehört zu jedem Content Delivery Portal, dass sich alle Fassungen samt Zuordnung exportieren lassen, falls der Anbieter wechselt oder aufgibt.
Die digitale Bedienungsanleitung im eigenen System
Eine eigene Ausspielung lohnt sich, wenn die Zuordnung ohnehin im ERP liegt und ein Content Delivery Portal sie doppelt pflegen würde. Dann liest eine schlanke Web-App Seriennummer und Fassung über eine Schnittstelle, zeigt die passende digitale Bedienungsanleitung an und archiviert jede abgelöste Fassung. TenMedia entwickelt solche Ausspielungen als Web-App oder mobile App, bindet sie über Schnittstellen an ERP oder PIM an und übernimmt Hosting, Monitoring und Wartung. Die Texte der Anleitung schreibt weiterhin die technische Redaktion. Ein Wartungsvertrag beginnt bei 900 Euro netto im Monat für acht Stunden. Getrennte Pflege und Präsentation zeigt auch die Redaktionssoftware mit eigener Präsentationsebene für die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas.